Sicherheit im Alter

Weglauftendenz bei Alzheimer und Demenz: Vorbeugung, Vorbereitung und Technik

Dass ein Angehöriger mit Demenz das Haus verlässt und nicht mehr zurückfindet, gehört zu den größten Ängsten von Familien. Dieser Ratgeber erklärt, warum es zu Weglauftendenzen kommt, was du zu Hause tun kannst, wie Technik hilft und was im Ernstfall zuerst zu tun ist.

Für Familien, die einen Angehörigen mit Alzheimer oder einer anderen Demenzform betreuen, ist eine der beängstigendsten Vorstellungen, dass er eines Tages das Haus verlässt und nicht zurückfindet. Diese Angst ist begründet: Laut der US-amerikanischen Alzheimer's Association laufen 6 von 10 Menschen mit Demenz im Verlauf der Erkrankung mindestens einmal ziellos umher und verirren sich, oft auch wiederholt.

In diesem Ratgeber geht es um die Ursachen, um Maßnahmen zu Hause, um die Rolle der Technik und um die Schritte, wenn ein Angehöriger vermisst wird.

Warum laufen Menschen mit Demenz weg?

Das ziellose Umherlaufen (englisch wandering) ist ein Verhalten, das von der Demenz selbst ausgeht; es ist weder Sturheit noch Unachtsamkeit. Häufige Gründe:

  • Der Wunsch, eine Aufgabe von früher zu erledigen: Wer vor Jahren in Rente gegangen ist, macht sich auf den Weg zur Arbeit; eine Mutter erwachsener Kinder will ihr Kind von der Schule abholen.
  • Orientierungsstörungen: Nicht zu wissen, wo man ist, selbst auf einem vertrauten Weg.
  • Körperliche Bedürfnisse: Toilettengang, Hunger, Durst oder Schmerzen nicht ausdrücken können.
  • Unruhe und Angst: Sich in einer lauten, vollen oder neuen Umgebung unsicher fühlen.
  • Sundowning: Am Nachmittag und Abend zunehmende Unruhe und Verwirrtheit.
  • Der Wunsch, „nach Hause“ zu gehen: Auch in der eigenen Wohnung in das Elternhaus der Kindheit wollen.

Anzeichen für eine Weglauftendenz

  • Schwierigkeiten, vertraute Orte (Geschäft, Kirche, Nachbarn) zu erreichen und zurückzufinden
  • Äußern, zu einer früheren Arbeit gehen zu wollen
  • Immer wieder sagen, „nach Hause“ gehen zu wollen
  • Unruhiges Umherlaufen, nicht sitzen bleiben können
  • Probleme, Zimmer, Bad oder Küche in der Wohnung zu finden
  • Von einem Spaziergang oder einer Autofahrt viel später zurückkommen als erwartet

Maßnahmen zu Hause

Den Tagesablauf beibehalten

Ein fester Tagesablauf (Mahlzeiten, Spaziergänge, Schlafenszeiten) verringert Angst. Beruhigende Aktivitäten, vor allem am Nachmittag, können die abendliche Unruhe mildern.

Bedürfnisse erfüllen

Regelmäßig an den Toilettengang erinnern, für genug Trinken und Essen sorgen und mögliche Schmerzen bemerken, kann den Drang zum Weglaufen verringern.

Einen sicheren Bewegungsraum bieten

Statt den Bewegungsdrang ganz zu unterbinden, ist ein sicherer Ort zum Gehen (Garten, begleitete Spaziergänge) gesünder.

Türen anpassen

  • Zusätzliche Schlösser können außerhalb der Augenhöhe angebracht werden (sehr hoch oder sehr tief).
  • Ein einfacher Türgong oder Sensor, der beim Öffnen ertönt, macht nächtliches Verlassen der Wohnung leichter bemerkbar.
  • Eine in Wandfarbe gestrichene oder mit einem Vorhang verdeckte Tür fällt manchen Menschen weniger auf.

Schlüssel und Autoschlüssel wegräumen

Ist Autofahren nicht mehr sicher, bewahre die Autoschlüssel außer Sichtweite auf. Ein gemeinsames Gespräch mit der Ärztin oder dem Arzt erleichtert die Akzeptanz dieser Entscheidung.

Vertraute Gegenstände und Hinweise

Bildschilder an den Türen (Toilette, Schlafzimmer) können das Verirren in der Wohnung und die damit verbundene Unruhe verringern.

Vorbereitung auf den Ernstfall

Egal wie viele Vorkehrungen du triffst: Das Risiko lässt sich vielleicht nie ganz ausschließen. Deshalb ist Vorbereitung so wichtig.

Ausweisinformationen

  • Dein Angehöriger sollte eine Karte, ein Armband oder einen Anhänger mit Namen, der Telefonnummer eines Angehörigen und dem Hinweis „Gedächtnisprobleme“ bei sich tragen.
  • Dieselben Angaben lassen sich in Innentaschen von Jacken und Taschen einnähen.

Ein aktuelles Foto

Halte ein aktuelles, deutliches Gesichtsfoto auf deinem Handy bereit. Es ist das Erste, was du im Ernstfall Polizei und Umgebung zeigst.

Eine Liste vertrauter Orte

Erstelle eine Liste von Orten wie der früheren Wohnung, dem früheren Arbeitsplatz, dem Viertel der Kindheit, der oft besuchten Kirche, dem Park oder Geschäft. Wer sich verirrt, steuert oft Orte an, die früher wichtig waren.

Nachbarn und Geschäfte

Informiere Nachbarn, Hausmeister und Geschäfte in der Nähe. Hinterlasse deine Nummer, damit sie anrufen, wenn sie deinen Angehörigen allein und verwirrt sehen.

Wie Technik helfen kann

Standortteilen

Standortteilen über ein Handy oder eine Smartwatch, die die Person immer bei sich trägt, kann die Suche im Ernstfall stark beschleunigen. Wichtig ist:

  • Einwilligung: Im frühen Stadium, solange die Person selbst entscheiden kann, ist es ethisch und praktisch richtig, mit ihr über das Standortteilen zu sprechen. In späteren Stadien entscheidet die gesetzliche Betreuung oder die pflegende Familie.
  • Das Gerät muss dabei sein: Die beste Ortungstechnik nützt nichts, wenn das Gerät zu Hause bleibt. Schafft die Gewohnheit, Handy oder Uhr immer zu tragen (Umhängeband, feste Tasche).
  • Laden: Macht das Aufladen zum festen Teil des Tagesablaufs.

Sichere Zonen

Wird die Umgebung der Wohnung als sichere Zone festgelegt, wirst du benachrichtigt, wenn die Person sie verlässt. So verkürzt sich die kritische Zeit, bis das Verschwinden bemerkt wird.

In Koriva wird die Familie beim Betreten und Verlassen sicherer Zonen benachrichtigt, und Familienmitglieder sehen einander auf der Karte; das funktioniert auf Android und iPhone. Ist das Handy einmal eingerichtet, muss die Person die App nicht öffnen. Außerdem gibt es auf einem schlichten Bildschirm ein „Mir geht’s gut“ per Fingertipp und einen Notfallknopf. Die Grundsätze des Standortteilens findest du in unserem Ratgeber zum Standortteilen in der Familie.

Die ersten Schritte, wenn jemand vermisst wird

Bei einem vermissten Menschen mit Demenz sind die ersten Stunden entscheidend. Wetter, Verkehr, Stürze und fehlende Medikamente erfordern schnelles Handeln.

  1. Wohnung und nähere Umgebung schnell absuchen: Schränke, Balkon, Keller, Garten, Treppenhaus, Parkplatz. Manchmal haben sich Menschen in der Wohnung versteckt oder sitzen irgendwo fest.
  2. Standort prüfen: Ist das Standortteilen aktiv, sieh dir den letzten Standort an.
  3. Wenn du die Person nach 15 Minuten nicht gefunden hast, ruf 110 oder 112 an. Warten ist nicht nötig; eine 24-Stunden-Regel für Vermisstenmeldungen gibt es nicht. Sag auf jeden Fall, dass die Person an Demenz erkrankt ist.
  4. Aktuelles Foto und Angaben weitergeben: Foto, Kleidung, Liste vertrauter Orte, Medikamente.
  5. Jemanden zu vertrauten Orten schicken: frühere Wohnung, früherer Arbeitsplatz, Kirche, Park.
  6. Jemand bleibt zu Hause: Die Person kann von selbst zurückkommen oder gebracht werden; jemand muss ans Telefon gehen.
  7. Nachbarn und Geschäfte informieren.

Wird die Person gefunden, schimpfe nicht und mach keine Vorwürfe; sie ist vermutlich verängstigt und erschöpft. Beruhige sie mit ruhiger Stimme, biete Wasser und Essen an und lass sie anschließend ärztlich untersuchen.

Pflegende brauchen auch Fürsorge

Die Betreuung eines Angehörigen mit Demenz ist körperlich und seelisch sehr anstrengend. Ständige Wachsamkeit kann zum Ausbrennen führen:

  • Teilt die Verantwortung innerhalb der Familie.
  • Nutzt Selbsthilfegruppen und Vereine für pflegende Angehörige.
  • Informiert euch über ambulante Pflege und Tagespflege bei Kommune, Pflegestützpunkt und Pflegekasse.
  • Nimm dir selbst regelmäßig Zeit zum Erholen.

Fazit

Die Weglauftendenz bei Demenz ist ein ernstes Risiko, lässt sich aber mit rechtzeitigen Vorkehrungen stark verringern. Ein fester Tagesablauf, Anpassungen in der Wohnung, stets mitgeführte Ausweisinformationen, ein aktuelles Foto, informierte Nachbarn und gut eingesetzte Ortungstechnik schützen die Sicherheit deines Angehörigen und deine eigene Ruhe.

Allgemeinere Informationen zur Sicherheit älterer Angehöriger findest du in unserem Artikel zur Sicherheit älterer Eltern.

Häufige Fragen

Warum verirren sich Menschen mit Alzheimer?

Verirren oder zielloses Umherlaufen entsteht durch demenzbedingte Orientierungsstörungen, den Wunsch, eine frühere Aufgabe zu erledigen, nicht ausdrückbare körperliche Bedürfnisse und Angst. Es ist ein Symptom der Erkrankung, keine Sturheit oder Unachtsamkeit.

Was tun, wenn ein Mensch mit Demenz vermisst wird?

Suche zuerst schnell Wohnung und nähere Umgebung ab und prüfe den letzten Standort, falls das Standortteilen aktiv ist. Findest du die Person nicht innerhalb von 15 Minuten, ruf ohne Zögern 110 oder 112 an und sag, dass sie an Demenz erkrankt ist. Gib Foto, Kleidung und eine Liste vertrauter Orte an die Einsatzkräfte weiter.

Ist es ethisch, den Standort eines Menschen mit Demenz zu verfolgen?

Im frühen Stadium ist es am besten, mit der Person über das Standortteilen zu sprechen und ihre Einwilligung einzuholen. In späteren Stadien kann die gesetzliche Betreuung oder die pflegende Familie zum Schutz der Person entscheiden. Ziel ist nicht Kontrolle, sondern die Person im Ernstfall schnell zu finden.

Wie verhindere ich, dass ein Mensch mit Demenz die Wohnung verlässt?

Ein fester Tagesablauf, erfüllte Bedürfnisse, ein sicherer Ort zum Gehen, zusätzliche Schlösser außerhalb der Augenhöhe und Sensoren, die beim Öffnen der Tür ertönen, können helfen. Einschließen ist bei einem Brand aber gefährlich, daher müssen Maßnahmen immer mit Beaufsichtigung einhergehen.

Was sollte die Person bei sich tragen?

Empfehlenswert ist eine Karte, ein Armband oder ein Anhänger mit Namen, der Telefonnummer eines Angehörigen und dem Hinweis auf Gedächtnisprobleme. Ein Handy oder eine Smartwatch mit aktivem Standortteilen erleichtert zusätzlich das Auffinden.

  • Alzheimer
  • Demenz
  • Weglauftendenz
  • Pflege
  • Standortteilen

Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine medizinische, rechtliche oder sonstige fachliche Beratung. Im Notfall sofort die 112 anrufen.